Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen

Veranstaltungen

Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen

Konferenz: Lager zwischen Kriegsende und Besatzungspolitik

24. September bis 26. September 2025 – 17:30 Uhr

Achtzig Jahre nach Kriegsende nimmt die gemeinsame Konferenz der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten die Übergangszeit vom Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bis zur Einrichtung alliierter Internierungslager in den neu geschaffenen Besatzungszonen näher in den Blick. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die alliierten Besatzungsmächte den katastrophalen Folgen der NS-Herrschaft begegneten, wie sie mit einer auch nach Kriegsende vielfach gewaltbereiten Gesellschaft umgingen und sich zugleich um die Unterstützung der Opfer und die Rückführung eigener Staatsangehöriger bemühten.

Lager zwischen Kriegsende und Besatzungspolitik

Die befreiten Häftlinge der Konzentrationslager und Millionen Zwangsarbeiter:innen warteten 1945 in DP-Lagern auf die Rückkehr in ihre Heimat. Gleichzeitig richteten die Alliierten in allen Zonen Internierungslager ein. Sie hielten dort Personen fest aufgrund deren Tätigkeit innerhalb des nationalsozialistischen Staats- und Parteiapparates oder weil von ihnen eine Bedrohung der Sicherheit der Besatzungsmächte auszugehen drohte. Die Verhaftungspraxis in der Sowjetischen Besatzungszone bewegte sich dabei zwischen der Ahndung nationalsozialistischer Verbrechen und der Durchsetzung stalinistischer Sicherheitspolitik gegenüber der feindlich eingestellten deutschen Gesellschaft, die das NS-System mit wenigen Ausnahmen bis zum Schluss – und darüber hinaus – mittrug.

Die gemeinsame Konferenz der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten möchte die unterschiedlichen Forschungsgebiete zur Thematik bündeln. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die alliierten Besatzungsmächte den katastrophalen Folgen der NS-Herrschaft begegneten, Täter:innen zur Rechenschaft zogen und sich zugleich um die Unterstützung der Opfer bemühten.

Programm

Mittwoch, 24. September 2025 – Stadtmuseum Weimar
17.30 Uhr:
Buchvorstellung und Diskussion
Elke Scherstjanoi: Sieger leben in Deutschland. Fragmente einer ungeübten Rückschau. Zum Alltag sowjetischer Besatzer in Ostdeutschland 1945-1949

Donnerstag, 25. September 2025 – Museum Zwangsarbeit Weimar
09.00–09.15 Uhr
Begrüßung
Jens-Christian Wagner

09.15 – 10.00 Uhr
Wie gingen die Besatzungsmächte mit den Folgen der NS-Herrschaft um? Gemeinsame Herausforderungen und unterschiedliche Herangehensweisen
Einführung
Enrico Heitzer / Julia Landau

10.00–11.30 Uhr:
Nach der Heimatfront: Kriegsende und die deutsche Bevölkerung
Moderation: Alfons Kenkmann

NS-Kriegspropaganda und umfassende Militarisierung hatten schwerwiegende Folgen für die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Sie zeigten sich deutlich bei der Konfrontation der Alliierten mit der „postnationalsozialistischen Gesellschaft" bei Kriegsende. Weite Teile der deutschen Gesellschaft hatten das NS-System auf allen seinen Ebenen mitgetragen. Entsprechend konzentrierte sich die alliierte Besatzungspolitik nun auf die Internierung ehemaliger Funktionsträger sowie all jener, von denen aus Perspektive der Alliierten eine Gefährdung ausging. Im Panel werden neue Einblicke in die Gesellschaft bei Kriegsende vorgestellt und diskutiert: Wie trat die nationalsozialistisch geprägte deutsche Mehrheitsgesellschaft den Alliierten und den befreiten Häftlingen und Zwangsarbeiter:innen gegenüber? Welche Rolle spielte dabei die Gewalt während des langen Kriegsendes?

Anne-Christine Hamel/Franz Waurig: Endkriegsgesellschaft zwischen Volkssturm und Werwolf
Janine Fubel: Direkter und indirekter Kriegseinsatz. Die Mobilisierung für die Ostfront im KZ Sachsenhausen 1945
Elke Scherstjanoi: "Solchen Schweinen den Kommunismus schenken?" Nachkriegsgedanken beim östlichen Sieger.
Alexander Querengässer: „Die ganze Volkssturmsache war nicht sehr ernst zu nehmen“ – Der Volkssturm als Parteiarmee und letztes Aufgebot

11.00–11.30 Uhr: Pause

11.30–13.15 Uhr:
Im Warteraum: Die Einrichtung von DP-Camps für befreite Zwangsarbeiter:innen, Kriegsgefangene und Lagerhäftlinge
Moderation: Adam Kerpel-Fronius

Befreit – und dann? Nach ihrer Befreiung hatten die Menschen vor allem ein Ziel: Zurück nach Hause. Die alliierten Streitkräfte richteten sogenannte DP-Camps ein, um die Überlebenden zu versorgen und ihre Rückkehr zu organisieren. Gemeinsam mit Hilfsorganisationen aus verschiedenen Ländern wurde daran gearbeitet, diese Pläne umzusetzen. Doch nicht alle wollten oder konnten in ihre alte Heimat zurückkehren, was die Suche nach neuen Wegen erforderlich machte. In dem Panel wird zum einen die Organisation der DP-Camps vergleichend diskutiert. Zum anderen wird nach den Begegnungen zwischen den befreiten Zwangsarbeiter:innen, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen und der deutschen Mehrheitsgesellschaft gefragt.

Rene Bienert: Nach der Befreiung der Konzentrationslager: Vor welchen Herausforderungen stehen Befreier und Befreite?
Juliane Wetzel: Lager für Jüdische DPs. Lebensmut im Wartesaal
Rene Emmendörffer: Buchenwald vor und nach der Befreiung – Lagergeschichte aus osteuropäisch-jüdischer Perspektive
Andreas Froese: Das DP-Camp Dora im Jahr 1945. Ein historisches Beispiel zu kurzzeitigen DP-Camps auf dem Gebiet des heutigen Freistaats Thüringen
Ines Dirolf: Aus der Welt in die Provinz und aus der Provinz in die Welt - Das DP Camp Seedorf in Westniedersachsen

13.15–14.15 Uhr: Mittagspause

14.15–15.45 Uhr:
Zurück nach Hause? - Die Rückführung befreiter Kriegsgefangener, KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter:innen in die Sowjetunion: Filtrationslager, Lager der Smersch
Moderation: Ines Reich

Entgegen der offiziellen Propaganda erwartete die befreiten sowjetischen Bürger:innen in ihrer Heimat häufig erneute Diskriminierung und Verfolgung. Die Organisation der Rückführung erfolgte über Repatriierungslager. Geheimdienste des sowjetischen Militärs und des Innenministeriums organisierten die Vernehmung der befreiten Häftlinge. Dabei standen Fragen der Loyalität im Vordergrund: Hatten die befreiten Häftlinge mit den Nationalsozialisten kollaboriert? Gleichzeitig wurden die befreiten Zwangsarbeiter:innen und Häftlinge auch konkret nach Gewalterfahrungen und Verbrechen befragt, Material, das die Geheimdienste für weitere Ermittlungen verwendeten. Das Panel fragt nach den Funktionen sowjetischer Repatriierungslager zwischen Organisation und Versorgung, Loyalitätsansprüchen, Mobilisierung, Repression und Ermittlungen.

Dieter Bacher/ Katharina Bergmann-Pfleger: Die Repatriierungslager in der sowjetischen Besatzungszone Österreichs 1945–1953
Sarah Grandke: Vom Durchkommen. Sowjetische DPs und das Abwehren von Zwangsrepatriierungen am Beispiel der US-Zone
Gero Fedtke: Von Ilmenau über den Donbass nach Kasachstan. Nikolaj Lavrinovs Repatriierungserinnerungen
Norman Warnemünde: Sowjetische Bürger:innen im Netz der Militärspionageabwehr Smerš

16.15–18.00 Uhr: Führung durch die Dauerausstellung „Zwangsarbeit im Nationalsozialismus“
Daniel Logemann/Franziska Mendler, Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus

19.00 Uhr Gemeinsames Abendessen in der Watzdorfer Geleitschenke, Scherfgasse 4, 99423 Weimar

Freitag, 26. September 2025

09.00–10.00 Uhr:
Neue Quellen, neue Zugänge.
Moderation: Olga Danilenko

Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde es möglich, Zugang zu den Archiven der sowjetischen Geheimdienste zu erhalten. Dennoch stehen bis heute nicht alle archivalischen Quellen zur Verfügung. Der Zugang zu den Archiven der Sicherheitsdienste ist in der Russischen Föderation erneut verschlossen – nicht jedoch in anderen postsowjetischen Ländern, wie z.B. in der Ukraine, Moldau oder Lettland. Dort findet man Informationen über Personen, die wegen des Verdachts der Mitwirkung an den Verbrechen des NS-Besatzungsregimes einer Filtrationskontrolle unterzogen wurden, sowie über das Personal von Internierungslagern. Aufgrund des zentralisierten Apparats der sowjetischen Sicherheitsdienste ist es auch möglich, Kopien der wichtigsten Befehle zu finden, die für alle ehemaligen Sowjetrepubliken identisch waren. Das Panel gibt Einblick in die Bestände zum ehemaligen sowjetischen Geheimdienst in verschiedenen postsowjetischen Archiven.

Andriy Kohut, Direktor des Behördenspezifischen Staatsarchivs des Sicherheitsdienstes der Ukraine (GDA SBU)
Vertreter:in des Nationalarchivs des Präsidenten der Republik Kasachstan (angefragt)
Vertreter:in der georgischen Organisation SovLab (The Soviet Past Research Laboratory) (angefragt)
Historische Quellen in der Bildungsarbeit: Vorstellung der Website „Vergessene Zeitgenossen“, erarbeitet von ehemaligen Mitarbeiter:innen der Organisation Memorial (Ivan Shemanov - angefragt)
Alexander Makeew: Das Personal der Speziallager: Rechercheergebnisse und Methodik
Diskussion

10.00–10.30 Uhr: Pause: Buschtisch mit neuen Publikationen

10.30–15.00 Uhr
Zwischen Sicherheitspolitik, Entnazifizierung und Ahndung: Internierungslager nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Internierungslager der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg hatten zunächst die allgemeine Funktion einer Absicherung der Besatzungsherrschaft. Die Entfernung von Nationalsozialist:innen aus einflussreichen Positionen im Staats- und Parteiapparat war ein damit einhergehendes Ziel. Die Ermittlung und Verfolgung von NS- und Kriegsverbrechen war mit der Internierung verknüpft, nicht jedoch deren ausschließliche Absicht. Auch wenn die Alliierten über die Notwendigkeit der Internierung zunächst grundsätzlich übereinstimmten, unterschied sich die Praxis sehr grundlegend zwischen den westlichen und den sowjetischen Besatzungsmächten. Das Panel zeigt Parallelen und Unterschiede in der Internierungspraxis auf und fragt nach den Folgen der Internierung in den jeweiligen Besatzungszonen.

10.30–12.15 Uhr:
Sicherheitspolitik und Entnazifizierung
Moderation: Enrico Heitzer
Esther Lindenlauf: Zwischen Neubeginn und Aufarbeitung – Das Lager Dachau nach Kriegsende
Andrew Beattie (per Video): Internierungspraxis im interalliierten Vergleich (AT)
Andrea Rudorff: Internierungsmaßnahmen in West- und Ostdeutschland: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Wolfram von Scheliha: „Transitional Injustice“ beim Übergang von einer Diktatur zu einer anderen: Überlegungen zur vergleichenden Einordnung der sowjetischen Speziallager und der sowjetischen Verhaftungspolitik in Nachkriegsdeutschland

12.15–13.15 Uhr: Mittagspause

13.15–15.00 Uhr:
Ahndung
Moderation: Julia Landau
Olga Danilenko: Sowjetische Häftlinge im sowjetischen Speziallager in Sachsenhausen (AT)
Andreas Weigelt: Die sowjetische Verfolgung der Morde an Widerstandskämpfern der Jungen Garde in Krasnodon/Rowenki im Januar/Februar 1943
Iryna Kashtalian: Polizistinnen und Polizisten im sowjetischen Speziallager Nr. 2: Neue Erkenntnisse und offene Fragen
Kolja Buchmeier: Der Verbrechenskomplex „Zwangsarbeit“ in Verfahren nach SMAD-Befehl 201. Frühe Ostdeutsche Nachkriegsjustiz als Zugang zur Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus und seiner Nachgeschichte 1946-1949

15.00–15.30 Uhr: Kaffeepause

15.30–16.30 Uhr: Abschlussdiskussion: Kriegsende und Internierung als Thema der politischen Bildung: Die Auseinandersetzung mit geschichtsrevisionistischen Vereinnahmungen (3 Referate)
Ronald Hirte

Die Zeit des langen Kriegsendes vor 80 Jahren stellt eine Herausforderung an die politische Bildung dar. Was bedeutet die Geschichte der Befreiung der im Nationalsozialismus verfolgten politischen Gegner, Jüdinnen und Juden, Sinti:zze und Rom:nja, der Häftlinge in den Konzentrationslagern, der Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangenen für uns heute? Wie lässt sich der Umgang der Alliierten mit der postnationalsozialistischen Gesellschaft am Ende des Zweiten Weltkriegs darstellen, ohne ihn in geschichtsrevisionistischer Absicht für eine neue Opfergeschichte zu vereinnahmen? Häufig werden dabei historische Kontexte ausgeblendet oder verfälscht. Ein Beispiel sind die bei Kriegsende von den Westalliierten eingerichteten provisorischen Lager für Kriegsgefangene, die „Rheinwiesenlager“. Im Osten Deutschlands erlebte die Bevölkerung in den von der sowjetischen Armee befreiten Territorien häufig Gewalt und Repression. Zahlreiche Verhaftungen und der nicht rechtsstaatliche Umgang mit den Inhaftierten kennzeichneten die Entstehung einer neuen Diktatur. Wie kann eine Auseinandersetzung mit den zahlreichen Brüchen zur Zeit des Kriegsendes aussehen, die sich der deutschen Verantwortung für den Beginn des Zweiten Weltkriegs uneingeschränkt bewusst ist?

Kerstin Schulte: Kriegsende und Internierung als Thema der politischen Bildung
Raphael Utz: Der Holocaust in der Schule. Bildungspolitik nach 1945 in Ost und West
Alexander Walther: Akteure der Holocaust-Erinnerung in Ostdeutschland

16:30 Uhr–18:00 Uhr Stadtrundgang „Nach dem Krieg“ (Julia Landau, Franziska Mendler, Franz Waurig)
Start: Museum Zwangsarbeit

Veranstaltungsort

Weimar

Kontakt

Ansprechpartner: Franziska Mendler

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