Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen

Zwei handgefertigte Kalender

Die beiden handgefertigten Kalender bilden das Jahr 1945 ab. 1993 wurden sie der Gedenkstätte Sachsenhausen als Schenkung übergeben. Zuvor waren sie im Besitz von Marcel Barré, einem ehemaligen französischen Häftling. 

Das Leben im Konzentrationslager entbehrte jeder Selbstbestimmung. Um sich gegen die Enteignung ihrer Zeit zu wehren, führten einige Häftlinge heimlich einen Kalender, wie der französische Häftling Marcel Barré. 

Marcel Barré wurde am 8. August 1901 in Paris geboren. Er wurde Anfang Mai 1945 in Hagenow in der Nähe von Schwerin befreit. In ein dort ausgestelltes neues Personendokument ließ er eintragen, dass er katholisch und verheiratet war und Elektroingenieur gelernt hatte. Barré war seit dem 10. Mai 1943 im KZ Sachsenhausen inhaftiert gewesen. Er trug die Häftlingsnummer 66037 und musste bei den Heinkel-Werken Zwangsarbeit leisten. Über die Umstände seiner Inhaftierung ist nichts bekannt. Sein Name findet sich auf einer Liste von französischen Häftlingen, die aus der Region Eure-et-Loire westlich von Paris stammten.

Unklar ist auch, ob beide oder nur einer der Kalender Marcel Barré gehörten. Auf beiden Kalendern hat der Besitzer Tage addiert, insgesamt 812 Tage. Der 812. Tag war dem Kalender nach der 23. Mai 1945. An diesem Tag traf Marcel Barré in Lamballe ein, einer Stadt in der Bretagne, wo er seine Ehefrau wiedersah. Zurückgerechnet begann die Zählung demnach am 3. März 1943. Dies könnte der Tag der Verhaftung von Marcel Barré gewesen sein, da er zwei Monate später in das KZ Sachsenhausen überstellt wurde.

Eigene Kalender wurden von Häftlingen heimlich angefertigt, um sich den Überblick über die Tage und Monate im Jahreszyklus zu erhalten. Manche schrieben auch heimlich Tagebuch oder machten sich Notizen, um die unbegrenzt wirkende Ausdehnung von Zeit – eine Entlassung war nicht vorgesehen – durch Einteilung in übersichtliche Abschnitte fassbarer zu machen.

Nachbildungen der Kalender waren in der 2001 eröffneten Ausstellung „Alltag der Häftlinge im KZ Sachsenhausen 1936-1945“ in einer Vitrine zum Thema „Zeit und Raum“ zu sehen. Nach 25 Jahren wurden Teile der Ausstellung abgebaut.

 

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