Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen

Presseinformationen

21/26: In Anwesenheit von zwei Überlebenden wurde heute an den 81. Jahrestag der Befreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen erinnert

19. April 2026

Nr.: 21/2026

Am heutigen Nachmittag wurde in der Gedenkstätte Sachsenhausen in Anwesenheit der beiden Überlebenden Bogdan Bartnikowski aus Polen (94) und Mykola Urban aus der Ukraine (101) mit einer Gedenkveranstaltung an die Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen vor 81 Jahren erinnert und der Opfer gedacht. Ministerpräsident Dietmar Woidke, der Überlebende Bogdan Bartnikowski, Stiftungsdirektor Axel Drecoll und Andres Meyer, Präsident des Internationalen Sachsenhausen-Komitees, sprachen zu den Anwesenden. Schülerinnen und Schüler des Berliner Musikgymnasiums Carl Philipp Emanuel Bach und Teilnehmende des Projekts „Musik.Macht.Geschichte“ gestalteten das musikalische Rahmenprogramm. Im Anschluss an das Moorsoldatenlied sowie christliche und jüdische Gebete fand am Gedenkort „Station Z“ eine Kranzniederlegung statt, die durch Schülerinnen und Schüler des F. F. Runge Gymnasiums aus Oranienburg unterstützt wurde.

Ministerpräsident Dietmar Woidke sagte: „Das KZ Sachsenhausen ist ein zentraler Ort des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte, ein Ort skrupelloser Gräueltaten, der Trauer und heute auch des Gedenkens. Durch die unermüdliche Arbeit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten ist er auch ein Lernort der Geschichte, ein Raum für Begegnung und Austausch. Jeder Einsatz für das Erinnern an die Schrecken der Vergangenheit und für Frieden und Völkerverständigung ist ungeheuer wichtig. Ich wünsche mir an diesem Gedenktag nichts mehr, als dass dieser Einsatz in unserer Gesellschaft aufgeht. Damit wir gemeinsam dafür sorgen können, dass sich Geschichte nicht wiederholt und damit wir erkennen, dass uns alle als Menschen viel mehr verbindet als uns trennt.“

Bogdan Bartnikowski, der als zwölfjähriges Kind nach dem Warschauer Aufstand 1944 mit seiner Mutter zunächst in das KZ Auschwitz und anschließend in das Außenlager Berlin-Blankenburg des KZ Sachsenhausen verschleppt worden war, sagte: „Bei der Baubrigade Blankenburg arbeiteten wir inmitten der Ruinen der Stadt bei der Trümmerbeseitigung – Tag für Tag, bei Erschöpfung, Hunger und in Ungewissheit darüber, was der nächste Tag bringen würde. Diese Erfahrungen bleiben in mir lebendig. Aber bald wird es niemanden mehr geben, der sagen kann: Ich war dort. Deshalb ist es so wichtig, dass die Erinnerung nicht mit uns verschwindet. Möge dieser Ort nicht nur ein Denkmal der Vergangenheit sein. Möge er eine Warnung bleiben. Denn all das begann mit Worten, mit Hass, mit Verachtung, mit der Verweigerung der Würde gegenüber einem anderen Menschen. Ich als ehemaliger Häftling und Kind des Krieges weiß, wohin das führt. Heute bitte ich Sie nur um eines: Erinnern Sie sich. Nicht nur an Zahlen, nicht nur an Geschichte, sondern an die Menschen.“

Stiftungsdirektor Axel Drecoll erklärte: „Die Geschichte des NS-Regimes und seiner Verbrechen ist nicht vorbei. Der Ruf nach einem Schlussstrich bleibt notwendigerweise eine hohle Phrase. Wir könnten ihn gar nicht ziehen, und wir wollen es auch nicht. Die NS-Verbrechen an Tatorten wie diesem bleiben nicht nur für die unmittelbar betroffenen Angehörigen der Verfolgten bis in die Gegenwart virulent. Sie sollten auch für uns alle virulent bleiben über den heutigen Tag hinaus. Die nationalsozialistischen Verbrechen und ihre Opfer mahnen uns, Verantwortung zu übernehmen, aufzuklären, zu gedenken und nachdrücklich für ein respektvolles und solidarisches Miteinander einzustehen.“

Andreas Meyer, der bei der gestrigen Präsidiumssitzung als Nachfolger von Dik de Boef zum neuen Präsidenten des Internationalen Sachsenhausen-Komitees gewählt wurde, ergänzte: „Es ist 65 Jahre her, dass an diesem Ort die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen eröffnet wurde. Diese Gedenkstätte ist ein Friedhof, ein internationaler Ort des Gedenkens, ein Ort der Erinnerung und der Mahnung. Die Gedenkstätte ist ein zeitgeschichtliches Museum und vor allem ein Lernort. Und dies geht weit über die historische Bildung hinaus. Es geht um Resilienz-, Demokratie- und Herzensbildung. Nach ihrer Befreiung gaben sich die überlebenden Häftlinge gemeinsam das Versprechen, alles dafür zu tun, dass sich diese Verbrechen, die in ihrer gesamten Dimension für uns noch immer unvorstellbar sind, nicht wiederholen. Dafür, dass dieses Versprechen gehalten werden kann, ist es zwingend erforderlich, dass diese Orte als Zeugnisse erhalten werden. Gerade in einer Zeit, wo es in Europa und darüber hinaus wieder Krieg und Gewalt gibt, sind sie als Erinnerungs-, Gedenk- und Lernorte für unsere Gesellschaft unverzichtbar.“

Zuvor hatten Gruppen und Initiativen an verschiedenen Orten in der Gedenkstätte dezentrale Gedenkveranstaltungen für einzelne Opfergruppen durchgeführt. In diesem Rahmen wurden neue Gedenktafeln für die 1943 in das KZ Sachsenhausen Deportierten einer Razzia am Vieux-Port in Marseille und für die griechischen Häftlinge des KZ Sachsenhausen eingeweiht. Am Vormittag war in der Orangerie im Oranienburger Schlosspark der Franz-Bobzien-Preis verliehen worden, mit dem die Stadt Oranienburg und die Gedenkstätte alle zwei Jahre Projekte würdigen, die in besonderer Weise Zeitgeschichte und den Einsatz für Demokratie und Vielfalt verbinden. Ausgezeichnet wurden die Projekte „Demokratie erfordert Engagement – Tu was!“ unter Federführung des care4democracy e.V. aus Falkensee sowie „Spurensicherung“ des Arbeitskreises „Zwangsarbeit Gedenken“ aus Ludwigsfelde.

Bereits am Samstag wurde in der Gedenkstätte die Ausstellung „Verflochtene Geschichten. Nachkommen erzählen“ eröffnet. Die Ausstellung begleitet Angehörige ehemaliger Häftlinge des KZ Sachsenhausen auf ihrer Suche nach der eigenen Familiengeschichte und macht diesen Erinnerungsprozess sichtbar.

Zum Abschluss des Programms findet am morgigen Vormittag eine Gedenkveranstaltung am ehemaligen KZ-Außenlager „Klinkerwerk“ statt, bei der Jan Redmann, Minister des Innern und für Kommunales und stellvertretender Ministerpräsident des Landes Brandenburg, sowie Jan Tombiński, Geschäftsträger a.i. der Republik Polen, Ansprachen halten werden.

Hintergrund
Am 22./23. April 1945 erreichten sowjetische und polnische Soldaten das unmittelbar zuvor von der SS geräumte KZ Sachsenhausen, in dem zwischen 1936 und 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert waren. Mindestens 55.000 von ihnen starben an den unmenschlichen Haftbedingungen oder wurden Opfer von Mordaktionen der SS. Die Befreier fanden im Lager rund 3.000 kranke Häftlinge vor. Mehr als 30.000 Häftlinge befanden sich zu diesem Zeitpunkt auf einem Todesmarsch weiterhin in der Gewalt der SS, die in dieser Schlussphase nochmals mit besonderer Brutalität Häftlinge ermordete. Mehr als 16.000 Häftlinge mussten sich für einige Tage unter freiem Himmel in einem provisorischen Lager im Belower Wald bei Wittstock aufhalten. Die letzten Überlebenden wurden in den ersten Maitagen befreit.

 

Information: www.gedenkstaette-sachsenhausen.de

 

Kontakt:
Dr. Horst Seferens | Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit | Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
Heinrich-Grüber-Platz | 16515 Oranienburg | T +49 3301 810920
seferens(at)stiftung-bg.de | www.stiftung-sbg.de

 

Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten wird durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg und den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.

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