Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen

Presseinformationen

50/26: In der Gedenkstätte Sachsenhausen wurde heute an die Einrichtung des sowjetischen Speziallagers vor 81 Jahren erinnert

30. August 2026

Nr.: 50/2026

Mit einer Gedenkveranstaltung und einer Kranzniederlegung wurde heute in der Gedenkstätte Sachsenhausen an die Opfer des sowjetischen Speziallagers in Sachenhausen erinnert. Anlass war die Verlegung des Lagers von Werneuchen in die Baracken des ehemaligen Konzentrationslagers vor 81 Jahren. Der Jahrestag der Ankunft der ersten Inhaftierten in Sachsenhausen wird von den ehemaligen Häftlingen und ihren Angehörigen seit Anfang der 1990er Jahre als Gedenktag für die Opfer des Speziallagers begangen. An der Gedenkveranstaltung nahmen rund 90 Menschen teil, unter ihnen der Staatssekretär des brandenburgischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Tobias Dünow, der Bundestagsabgeordnete Uwe Feiler sowie drei ehemalige Inhaftierte des Speziallagers und zahlreiche Angehörige.

Kulturstaatssekretär Tobias Dünow: „Ein Brief an eine Freundin, in dem sie die sowjetische Besatzungsmacht kritisierte, wurde Leonore Belotti 1946 zum Verhängnis. Wegen angeblich ‚antisowjetischer Propaganda und Agitation‘ wurde sie für fünf Jahre in Sachsenhausen inhaftiert. Ein Schicksal von rund 60.000. Was die wenigsten wissen: Der Gedenkort im ehemaligen Kommandantenhof ist ein Massengrab. Hier liegen rund 7.000 der 12.000 Toten, die nach 1945 in Sachsenhausen starben – aufgrund der inhumanen Haftbedingungen, aufgrund von Hunger, aufgrund von Krankheiten. Es sind Überlebende wie Leonore Belotti, die daran seit Jahren und Jahrzehnten erinnern. Dafür herzlichen Dank und meinen tiefsten Respekt. Ich danke auch der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und der Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-1950 für ihre wichtige Erinnerungsarbeit. Die Geschichte der Speziallager zeigt eindrücklich, was passiert, wenn Menschen der Willkür eines inhumanen Systems ausgesetzt sind – und, dass die Achtung der Menschenwürde und die Umsetzung der Menschenrechte unverzichtbare Grundlage einer freien, demokratischen und offenen Gesellschaft sind.“

Uwe Feiler, MdB: „Solange wir Stimmen wie die der Zeitzeugin Annemarie Krause hören, solange wir ihre Geschichten weitererzählen und solange wir bereit sind, aus ihnen Konsequenzen für unser eigenes Handeln zu ziehen, bewahren wir Erinnerung nicht nur an einem Gedenkort. Dann tragen wir sie weiter in unsere Gesellschaft.“

Axel Drecoll, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten: „Viele der 60.000 Inhaftierten des Speziallagers hatten die sowjetischen Besatzer eingesperrt, weil sie ihren politischen Zielsetzungen vermeintlich oder tatsächlich im Weg standen. Viele waren jedoch auch NS-Belastete, manche auch NS-Täterinnen und Täter. Das Leid der Opfer mit Empathie anzuerkennen und die individuelle Perspektive sehr ernst zu nehmen und gleichzeitig Fragen von Haftgründen und Vorbelastungen differenziert zu beantworten, das ist Notwendigkeit und Herausforderung zugleich. Daraus resultiert die Absicht, die wir mit historischer Forschung, Vermittlung und Gedenken verbinden: das unverbrüchliche Einstehen für die Gültigkeit von Menschenrechten, für Freiheit und Rechtstaatlichkeit, die in Sachsenhausen lange Zeit keine Gültigkeit hatten.“

Joachim Krüger, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-1950 e. V.: „Wir sind gegenwärtig mit einem neuaufkeimenden geschichtsvergessenen Antisemitismus und einer nostalgischen Verklärung des Unrechts in SBZ und DDR konfrontiert, die beide die historische Wahrheit negieren und vergessen machen wollen. Vor diesem Hintergrund gedenken wir am heutigen Sonntag der vielen Tausend Toten des sowjetischen NKWD-Speziallagers Nr. 7 in Sachsenhausen und derjenigen, die nach Auflösung des Lagers nach 1950 in DDR-Gefängnissen, viele Frauen in Hoheneck, weiter unter unmenschlichsten Bedingungen leben und sterben mussten. An sie zu erinnern, ihr Andenken wachzuhalten, ihre Namen zu nennen heißt, ihnen ein Stück ihrer menschlichen Würde zurückzugeben. Für uns sind Aufklärung, Wahrheitssuche, Erinnerung und Gedenken Voraussetzung dafür, dass wir heute und zukünftige Generationen nie wieder hinnehmen, dass die Würde des Menschen, von wem auch immer, angetastet wird.“

Die 94-jährige Annemarie Krause, die fast fünfeinhalb Jahre in Haft und von Juni 1949 bis Februar 1950 im Speziallager Sachsenhausen inhaftiert war, erklärte in einer Videobotschaft: „Und dann kamen wir nach Sachsenhausen und da ging das Elend weiter. Ich sagte immer, das kann doch nicht möglich sein, dass die vielen Menschen eingesperrt werden. Es war eine schlimme Zeit. Und dann hieß es 1950, dass die Lager aufgelöst und wir den Deutschen übergeben werden. Und da hatten wir die Hoffnung, dass man uns helfen und unsere Urteile überprüfen würde. Aber leider wurden wir sehr enttäuscht. Und dann kam im Gefängnis Hoheneck die große Entlassung. Ich war eine der Letzten, als ich am 20. Januar 1954 freikam. Dann bin ich wieder nach Hause gekommen, aber meine Tochter wollte nicht mit mir allein sein, denn ich war für sie eine fremde Frau. Es war ja vor ihrem ersten Geburtstag, als ich verhaftet wurde. Es war traurig, aber es hat sich noch alles zum Guten gewendet. Und jetzt muss ich danke sagen, dass wir jetzt frei reden können und dass das Unrecht, das hier geschehen ist, aufgeklärt wird und dass die Gedenkstätten erhalten werden.“

Weil sie versucht hatte, mit einem Rotarmisten, mit dem sie ein Kind hatte, in den Westen zu fliehen, wurde Annemarie Krause zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Über das Speziallager Bautzen kam sie 1949 in das Speziallager Sachsenhausen und anschließen in das Frauengefängnis Hoheneck, wo sie Anfang 1954 entlassen wurde.

Hintergrund
Die sowjetische Besatzungsmacht errichtete in ihrer Zone zehn Speziallager, die sowohl Instrumente der Entnazifizierung als auch der stalinistischen Herrschaftssicherung waren. In den Speziallagern Weesow und Sachsenhausen waren bis zur Auflösung des Lagers im Frühjahr 1950 rund 60.000 Menschen inhaftiert, unter ihnen bis zu 5.000 Frauen. 12.000 Inhaftierte starben an Hunger und Krankheiten. Im Lager waren vorwiegend Angehörige unterer Funktionsränge des NS-Regimes, aber auch Beschäftigte aus Verwaltung, Polizei, Justiz, Wirtschaft sowie SS-Personal aus den Konzentrationslagern inhaftiert. Zu den Häftlingen zählten außerdem politisch Missliebige und willkürlich Verhaftete sowie von sowjetischen Militärtribunalen Verurteilte, Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Prägung, darunter Deutsche und Nichtdeutsche, Rotarmisten und Wehrmachtsangehörige, Männer und Frauen, Alte und Junge, NS-Belastete und Unbelastete.

 

Information: www.sachsenhausen-sbg.de

 

Kontakt:
Dr. Horst Seferens | Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit | Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
Heinrich-Grüber-Platz | 16515 Oranienburg | T +49 3301 810920
seferens(at)stiftung-bg.de | www.stiftung-sbg.de

 

Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten wird durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg und den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.

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